Jenny

Es klingelt zur ersten Stunde. Schüler stürmen den Klassenraum, quatschen, lachen, toben und finden sich allmählich auf ihren Plätzen ein. Ihre Lehrerin betritt den Klassenraum, geht zum Pult und kontrolliert die Anwesenheit. Als der Name „Jenny“ aufgerufen wird, meldet sich niemand: „Hhm, schon wieder nicht da. Die fehlt jetzt schon zwei Wochen am Stück. Da muss ich mal die Eltern anrufen.“ Seufzend trägt Frau Müller Jenny ins Klassenbuch ein. „Die ist nicht krank, die schwänzt!“, ruft ein Junge aus der letzten Reihe dazwischen, „ich hab sie heute morgen im Bus gesehen.“

Während die meisten Kindergartenkinder es kaum abwarten können, endlich in die Schule zu kommen, verlieren einige Schüler im Laufe der Schulzeit den Spaß an der Schule, fehlen immer häufiger und bleiben ihr schließlich ganz fern. Aber ist jeder unentschuldigt fehlende Schüler ein Schulschwänzer?

Schulpflicht

„Hier, das ist der Karton mit deinen Büchern. Den kannst du in dein neues Zimmer bringen.“ Mit diesen Worten drückt Jennys Mutter ihr einen Umzugskarton in die Hand. Jenny vermisst ihr altes Zimmer, ihre Kameraden aus dem Sportverein und ihre alte Klassenlehrerin. Ihre Freunde haben ihr zum Abschied ein Fotoalbum gestaltet. Das liegt ganz oben auf im Umzugskarton. Weil ihre Eltern sich getrennt haben, sind sie umgezogen, so weit weg, dass Jenny auch die Schule wechseln muss. Morgen ist ihr erster Tag an der neuen Schule. Sie ist aufgeregt und hofft, dass auch ein paar nette Mädchen in der Klasse sind, mit denen sie die Pausen verbringen kann.

In Deutschland besteht Schulpflicht und das aus guten Gründen. Schule dient nicht nur der Vermittlung von Fertigkeiten und Kenntnissen zur Berufsausübung, sondern hat auch eine entscheidende Rolle bei der Reproduktion des kulturellen Verständnisses sowie der Normen und Werte einer Gesellschaft. Sie hat darüber hinaus eine selektierende und zuordnende Funktion, was schon mit der Dreigliedrigkeit des Systems nach der Grundschule beginnt3. Schule ist ein Vollzeitjob. Ein Schüler verbringt durchschnittlich fünfzehntausend Stunden seines Lebens in der und für die Schule. Aber anders als einem erwachsenen Arbeitnehmer ist es dem Schüler nicht möglich zu kündigen, wenn er mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden ist. Damit überragt die Schulpflicht andere staatsbürgerliche Pflichten um Längen4. Vor diesem Hintergrund fällt der Schule eine besondere Verantwortung zu, denn sie ist für mehr als ein Dutzend Jahre ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt des Lebens und begleitet bedeutsame Entwicklungsschritte. Sie hat, im Gegensatz zu allen anderen Institutionen wie Sportvereinen, Musikschulen oder Jugendzentren, die einzigartige Chance, Zugang zu allen Kindern und Jugendlichen in ihrem Einzugsgebiet zu gewinnen. Schulpädagogische Maßnahmen können allerdings nur unter der Voraussetzung greifen, dass sich der Schüler seiner Schulpflicht nicht entzieht. In einer Gesellschaft mit fakultativem Schulbesuch könnte es keine illegitimen Schulversäumnisse geben4.

Definition

„Das ist Jenny, eure neue Mitschülerin“, stellt Frau Müller Jenny vor, „Jenny, magst du dich vielleicht kurz selbst vorstellen?“ Jenny wird rot. Achtundzwanzig Augenpaare taxieren sie von oben bis unten. „Hallo“, setzt sie an und wird sofort unterbrochen. „Du siehst aus wie eine Tomate“, ruft ein Junge aus der letzten Reihe. Mädchen in der zweiten Reihe tuscheln und kichern. Jenny könnte wetten, dass sie gemeint ist. Beschämt rutscht sie auf ihren Platz in die erste Reihe. Das Mädchen neben ihr verdreht die Augen und rückt so weit es geht von Jenny weg.

Absentismus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Abwesenheit. Schulabsentismus ist das Fehlen in der Schule aus einem anderen Grund als körperlich krank zu sein. Dabei reicht das Kontinuum von einzelnen Schulstunden bis hin zu vielen Monaten und in Einzelfällen sogar mehreren Jahren5. Je nach Definition werden schon die geistige Abwesenheit als passiver Schulabsentismus oder störendes Verhalten als aktionistischer Schulabsentismus unter dem Begriff subsumiert1. Es handelt sich bei Schulabsentismus jedoch nicht um ein diagnostizierbares Störungsbild5. Synonym zu Schulabsentismus werden häufig auch Begriffe wie Schulschwänzen, Schulverweigerung, Schulphobie, Schulpflichtsverletzung, Schulversäumnis oder Schulmeidung gebraucht. Schulabsentismus wird aber wegen seiner Wertfreiheit häufig verwendet.

Statistik

Jenny hält die schiefen Blicke, die gemeinen Kommentare und die fliegenden Papierkügelchen ihrer Mitschüler einige Wochen aus, in der Hoffnung, sie würde als Zielscheibe irgendwann von selbst ihren Reiz verlieren. Das Gegenteil ist der Fall. Bald fliegen nicht mehr nur kleine Papierkugeln, sondern ganze Federmäppchen durch die Klasse. Die Pausen verbringt Jenny meistens in einer Kabine auf dem Mädchenklo.

Statistisch betrachtet sind etwa fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen schulabsent5. Etwa zehn Prozent aller untersuchten Schüler zeigten auffällige Fehlzeiten1. Seit den 1960er Jahren scheinen die Fehlzeiten angestiegen zu sein, obwohl dieser vermeintliche Anstieg auch auf ein verändertes Meldeverhalten zurückzuführen sein kann4. Mädchen und Jungen scheinen in Summe gleichermaßen betroffen zu sein5, allerdings ist die Verteilung der Gründe für Schulabsentismus offenbar geschlechtsspezifisch. So haben Mädchen statistisch betrachtet ein erhöhtes Risiko Ängste zu entwickeln6. Schulangst nimmt mit dem Alter zu6. Eine besondere Häufung von Absentismusfällen zeigt sich an Sonderschulen für Schüler mit Lernbehinderungen4. Besonders betroffen sind außerdem Kinder alleinerziehender Elternteile, leistungsschwache Schüler und solche, die sich mit Konflikten innerhalb der Familie oder der Peergroup konfrontiert sehen5. Schulabsentismus ist also ein ernstzunehmendes Problem, nicht nur, weil es eine bedeutsame Minderheit betrifft, sondern auch weil die Tragweite für den Einzelnen immens ist. Ein Schüler, der in jedem Schuljahr 20 Tage fehlt, versäumt hochgerechnet während einer zehnjährigen Schulzeit ein ganzes Schuljahr1.

Arten

Die Uhr in der Küche zeigt 7:35 Uhr. In wenigen Minuten kommt der Bus. Jenny beeilt sich trotzdem nicht. Schon bei dem Gedanken daran, gleich allein im Bus auf ihre Mitschüler zu treffen, wird ihr schlecht. Auf dem Weg zur Haltestelle trödelt Jenny so sehr, dass der Bus ihr vor der Nase davonfährt. Jenny ist erleichtert. Ihre Mutter bringt sie genervt mit dem Auto zur Schule.

Neben Schulabsentismus aus Schulunlust oder Schulmüdigkeit gegen Ende der Schulzeit, also dem altbekannten Schwänzen, kann das Fehlen in der Schule auch auf diverse Ängste zurückzuführen sein. Dazu zählt z. B. die Trennungsangst (früher auch Schulphobie genannt). Demgegenüber steht die Schulangst, wegen der die Schüler den Schulbesuch vermeiden. Der Unterschied zwischen Trennungsangst und Schulangst besteht in der Ausrichtung der Angst. Während trennungsängstliche Kinder nicht von zu Hause wegwollen, wollen schulängstliche Kinder nicht zur Schule hin. Schulangst entsteht häufig entweder aus einer sozialen Angst vor bestimmten Mitschülern oder Lehrern, vor Konflikten oder der Institution Schule an sich oder aus einer Prüfungsangst, die sich auf die gesamte Schullaufbahn beziehen und mit einer Lern- und Leistungsangst einhergehen kann, z. B. weil Betroffene Stigmatisierung oder Strafen befürchten. Ein Sonderfall von Schulabsentismus stellen fremdgesteuerte Versäumnisse dar. Nicht immer liegt es am Schüler selbst, wenn dieser nicht zur Schule kommt. Manchmal haben auch die Eltern im Hintergrund die Fäden in der Hand und halten ihr Kind von der Schule fern, z. B., weil sie aus kulturellen, religiösen oder pädagogischen Gründen nicht mit dem Schulsystem einverstanden sind.

Symptome

Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt 7:10 Uhr. Jennys Mutter steckt den Kopf zur Tür herein: „Jenny, aufstehen! Wenn du so weitermachst, verpasst du den Schulbus. Ich kann dich heute nicht schon wieder bringen.“ Jenny zieht sich die Decke über den Kopf: „Mama, ich hab Bauchweh. Und mir ist schlecht. Schreibst du mir eine Entschuldigung?“

Schulabsentem Verhalten gehen häufig unterschiedliche Vorstufen auf verschiedenen Ebenen voraus, die als Frühwarnsignale verstanden werden können. Schon ein auffälliges Trödeln auf dem Schulweg, Tagträumen im Unterricht oder die Verweigerung mündlicher Mitarbeit können als Versuche gewertet werden, der Situation zumindest mental zu entkommen. Im Gegensatz zu Erwachsenen können Kinder ihre Gefühle häufig noch nicht gut reflektieren und verbalisieren, weshalb sich Ängste auch psychosomatisch durch Bauchschmerzen, Übelkeit, Appetit- und Schlafstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sowie Kopfschmerzen oder Schwindel äußern können.

Auswirkungen

Jenny ist erleichtert. Ihre Mutter hat erlaubt, dass sie heute zu Hause bleibt. In ihrem Zimmer fühlt sie sich sicher und geborgen. Die Schultasche hat sie weit weg aus ihrem Sichtfeld geschoben. Sie versucht sich mit ihrem Handy abzulenken. Im Klassenchat werden schon wieder gemeine Bilder rundgeschickt. Jenny öffnet die App erst gar nicht. Sie hat Angst, dass sie selbst auf einem der Bilder zu sehen ist. Und schon kreisen ihre Gedanken wieder um die Schule. Morgen erlaubt ihre Mutter bestimmt nicht noch einmal zu Hause zu bleiben. Und was dann?

Jennys Lösung, um mit ihrer Angst umzugehen, ist, den Auslöser ihrer Angst, nämlich die Schule, einfach zu vermeiden. Danach fühlt sie sich erst einmal sicherer. Leider hilft diese Lösung nur kurzfristig. Auf lange Sicht bringt Jenny sich damit in immer größere Schwierigkeiten. Nicht nur, dass sich die Abwesenheit in der Schule in den Noten bemerkbar machen wird, Schulabsentismus kann auch langfristige Folge für die Schullaufbahn und sogar den gesamten Lebenslauf haben. Ganz zu schweigen von den negativen Konsequenzen für die psycho-soziale Entwicklung.

Ursachen

Am nächsten Tag steigt Jenny in den Schulbus, damit ihre Mutter denkt, sie würde zur Schule gehen. Stattdessen steigt sie aber an der nächsten Haltestelle aus und fährt zurück nach Hause, als sie sicher ist, dass ihre Mutter zur Arbeit gefahren ist.

Schulabsentismus selbst ist nur ein Symptom eines multidimensionalen Problems1. Der erste Schritt zur Lösung sollte daher sein, die Ursache zu finden. Dazu ist es wichtig, mit allen Beteiligten, also Eltern, Lehrern, Schulsozialarbeitern und im weitesten Sinne auch der Gesellschaft an einem Strang zu ziehen. Während auf der Seite des betroffenen Schülers Ängste oder depressive Tendenzen, mangelhafte soziale Fertigkeiten und dissoziales Verhalten sowie Teilleistungsstörungen (z. B. Lese-Rechtschreibschwäche oder Rechenschwäche) eine Rolle spielen können, liegt es auf der anderen Seite in der Verantwortung der Schule, günstige Lernbedingungen zu schaffen. Es gilt z. B., große Klassen mit vielen auffälligen Schülern zu vermeiden, gegen Mobbing prä- und interventiv vorzugehen und angemessene Leistungsanforderungen zu stellen. Die Familie kann ihrerseits erzieherisch zur Lösung des Problems beitragen. Wichtig ist dabei v. a., das schulvermeidende Verhalten nicht indirekt zu belohnen und die Kinder auch bei leichten, vermutlich angstbedingten „Krankheitssymptomen“ zur Schule zu schicken oder zumindest nicht zu Hause zu sehr zu verwöhnen5. Andernfalls erreichen die Schüler immer früher den „kritischen Moment“, ab dem sie umdrehen. So kann es passieren, dass ein Schüler, der es am Vortag noch bis zur fünften Stunde ausgehalten hat, am nächsten Tag nur noch die erste Stunde schafft. Am übernächsten Tag wird die Fahrt zur Schule zum Problem und eine Woche später ist selbst das Einschlafen am Vortag schon mit Stress verbunden. Umgekehrt kann eine Konfrontation mit der angstbesetzen Schulsituation aber auch den gegenteiligen Prozess bewirken1.

Nach dem Modell des adaptiven Lernens nach Boekaerts und Niemivierta konkurriert das Ziel der persönlichen Weiterentwicklung durch Kompetenzerweiterung mit dem Ziel, sich wohlzufühlen und seinen Selbstwert vor schädlichen Einflüssen zu schützen2. Für leistungsängstliche Schüler schwebt das Damoklesschwert der Benotung über der Lernmotivation. Es entsteht ein Teufelskreis: Je größer die Angst, umso geringer ist die Leistung tatsächlich, weil sie das Abrufen des Gelernten aus dem Gedächtnis blockiert. Um ihr Selbstwertgefühl zu schützen, betreiben einige Schüler deshalb Self-Handicapping, indem sie z. B. vor der Prüfung extra spät ins Bett gehen oder sich nicht vorbereiten. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, ist eine raffinierte Zwickmühle, denn unabhängig vom Ausgang der Prüfung bleibt der Selbstwert gewahrt. Eine schlechte Note kann im Nachhinein mit der mangelnden Vorbereitung oder der Unkonzentriertheit aufgrund von Schlafmangel entschuldigt werden und muss nicht auf eigenes Versagen zurückgeführt werden. Sollte der Schüler wider Erwarten eine gute Note bekommen, kann er sich erst recht auf die Schulter klopfen, weil er die Prüfung trotz widriger Umstände gut bestanden hat.

Maßnahmen

Jennys Schulvermeidungsplan geht eine Weile gut, bis sie eines Tages von einem Mitschüler im Bus erwischt wird: „Ach Jenny! Was machst du denn hier? Dich hat man ja schon lange nicht mehr in der Schule gesehen!“ Jenny gerät in Panik. Max wird sie bestimmt bei Frau Müller verpetzen und die erzählt es dann ihrer Mutter und dann muss sie wieder zur Schule!

Sobald die Ursache des Fehlens geklärt ist, geht es darum, dem Schüler den Wiedereinstieg in den Schulalltag zu erleichtern. Das kann z. B. durch einen anfangs reduzierten Stundenplan geschehen, der sukzessive gesteigert wird.

Ansprechpartner

Als Jenny die Treppe zu Wohnung hinaufschleicht, ahnt sie bereits eine Standpauke. Doch zu ihrer Überraschung erwartet sie ihre Mutter mit offenen Armen in der Tür. „Ach Schatz“, sagt sie, „ich habe gerade mit deiner Lehrerin telefoniert. Wenn wir gewusst hätten, wie es dir in der Schule geht, hätten wir doch schon viel früher etwas unternommen.“

Und unternehmen kann man gegen die Ursachen von Schulabsentismus in der Tat eine ganze Menge. Eine erste externe Anlaufstelle kann dabei die schulpsychologische Beratungsstelle für den jeweiligen Wohnort sein.

Quellen

  1. Bezirksregierung Arnsberg. (o. J.). Handlungskompetenz Schulabsentismus Handreichung für Lehrkräfte. https://www.bra.nrw.de/system/files/media/document/file/handreichung_schulabsentismus_2023.pdf
  2. Boekaerts, M., Zeidner, M., & Pintrich, P. R. (1999). Handbook of Self-Regulation. Elsevier.
  3. Fend, H. (2015). Die sozialen und individuellen Funktionen von Bildungssystemen: Enkulturation, Qualifikation, Allokation und Integration. In Handbuch der Erziehungswissenschaft (S. 43–55). Brill Schöningh. https://doi.org/10.30965/9783657784691_060
  4. Ricking, H. (2003). Schulabsentismus als Forschungsgegenstand. Bis, Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg.
  5. Walter, D., & Döpfner, M. (2009). Schulabsentismus bei Kindern und Jugendlichen—Konzept und Behandlungsempfehlungen. Verhaltenstherapie, 19(3), 153–160. https://doi.org/10.1159/000227995
  6. Weber, H. M., & Petermann, F. (2019). Der Zusammenhang zwischen Schulangst, Schulunlust, Anstrengungsvermeidung und den Schulnoten in den Fächern Mathematik und Deutsch. https://doi.org/10.25656/01:16831